Schlagwort: Karmaarbeit

Intermezzo zum „Tag der Bahnhofsmission“

dsci0769 Es ist kein Witz und auch keine Erfindung meinerseits: Heute ist der offizielle „Tag der Bahnhofsmission“ unter dem Motto: „Kinder verstehen Bahnhof.“ Endlich komme ich meinem Anliegen näher, die Mysterien des Bahnhofs zu verstehen, denn wenn schon Kinder Bahnhof verstehen können, dann sollten Erwachsene das doch erst recht können! Denke ich zumindest…

dsci0770 Ich habe keinen Zweifel daran, dass Kinder erleuchteter sind als Erwachsene und viel mehr spirituelles Wissen haben als wir. Oft genug schon war das unschuldige Geplapper von Kindern die Botschaft, die mich auf die richtige Spur meiner inneren Suche brachte, vorausgesetzt, dass ich eine klare Frage in mir hatte. Sobald eine solche Frage da ist, sorgt ein mysteriöser Mechanismus dafür, dass die Antwort mir zufliegt, sei es aus dem Mund eines Fremden, eines Kindes oder in der Form, dass der Geist buchstäblich mit Büchern oder Zeitschriften nach mir schmeißt, die aus dem Regal fallen oder im Zug liegengelassen wurden. Zugegeben, das passiert auch an anderen Orten, aber ich kann nicht leugnen, dass der Bahnhof prädestiniert für solche Erfahrungen ist.

dsci0771 Es gibt um die hundert Bahnhofsmissionen in Deutschland und in Eckernförde befindet sich eine davon. Das wertet unseren zweigleisigen Haltepunkt enorm auf! Ich glaube wieder daran, dass ich hier lernen kann, Bahnhof zu verstehen. Heute findet zur Feier des Tages eine Aktion mit der Eckernförder Puppenspielerin Cordula Thonett statt, die unter anderem mit den Kindern Kochlöffelpuppen bastelt. Auf die Besonderheit des Tages weisen fünf blaue Luftballons vor der Tür der Bahnhofsmission hin. Ich betrete den Raum. Cordula und ihre Strumpfpuppe Klara Korn sind mir seit langem bekannt, aber es ist das erste Mal, dass ich Klara mit einem Anstecker der Bahnhofsmission sehe. Ich frage Klara, was man hier denn so lernen kann. Sie antwortet:

„Ich weiß nicht, ich verstehe nur Bahnhof.“

dsci0772 Ja, das ist ja gerade die Fremdsprache, die ich lernen will, sage ich, ob es da vielleicht so etwas wie ein Wörterbuch gibt? Da muss Klara leider passen. Es scheint doch ein größeres Mysterium zu sein, diese Fremdsprache namens Bahnhof zu erlernen…

Der Bahnhof ist nicht nur ein Ort des Wartens, sondern auch der Kommunikation, der Begegnung. Jedenfalls war das früher mal so. Da konnten auf Zugreisen oder beim Warten durchaus nette Begegnungen stattfinden. Heute sind die meisten Ohren zugestöpselt, die Augen auf Handy, Laptop, Zeitung oder Buch fixiert oder einfach geschlossen. Begegnungen finden heute vorzugsweise im Internet statt. (Danke übrigens, dass Sie hier sind und mich wahrnehmen! Ich bedaure nur, dass diese Begegnung so eingleisig verläuft wie die Strecke von Kiel nach Flensburg, gäbe es da nicht zweigleisige Haltepunkte wie diesen hier, an denen sich der Raum zu einem Treffpunkt verschiedener Blickrichtungen erweitert.)

dsci0773 Kaum sind mir diese Gedanken durch den Kopf geschwirrt, als sich eine korpulente Dame neben mir niederlässt. Sie beginnt mir ihre Lebensgeschichte zu erzählen und ihre abenteuerliche Reise von Hamburg nach Eckernförde. Die Strecke zwischen dem Hamburger Hauptbahnhof (auf dem laut fognin die knallharten Einweihungen stattfinden, siehe Teil 1) und Hamburg-Dammtor ist nur ein paar hundert Meter lang, aber so oft gestört, dass man wirklich unglaubliche Grenzerfahrungen machen kann, sollte man diese Strecke befahren wollen. Da wird dem Reisenden empfohlen, mit der S-Bahn nach Altona oder Dammtor zu fahren, um weiter gen Norden gelangen zu können, mit dem Ergebnis, dass man dann in der Pampa steht und auch nicht weiter kommt. Ja, das klingt einweihungsverdächtig!

Wieder mal die Deutsche Bahn als erfindungsreicher spiritueller Lehrmeister!

dsci0775 Nicht jede zufällige und oberflächliche Begegnung ist zwangsläufig eine bedeutsame Schicksals-Fügung. Dennoch liegt es ein Stück weit bei mir, eine solche daraus zu machen. Vorausgesetzt, die vorige Übung, das Warten in Gegenwärtigkeit zu verwandeln, sei gelungen, können auch ohne Worte tiefe Wesensbegegnungen mit anderen Menschen möglich sein. Ein Blick, ein Lächeln, ein absichtsloser Wortwechsel können eine unmittelbarere Verbindung zum Gegenüber herstellen, als so manches ergebnisorientierte Gespräch. Ich höre also geduldig und verständnisvoll zu, bereichert um die Einsicht, wenigstens ansatzweise Bahnhof zu verstehen.

Fortsetzung folgt

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Warten

[Bild nicht gefunden]Eine Woche ist mit Warten vergangen. Dass die Fortsetzung meiner Geschichte auf sich warten ließ, hat den einfachen Grund, dass Warten im Moment das Thema schlechthin ist. Der Bahnhof als Schauplatz meiner Suche nach Mysterien entpuppt sich als phantastischer Ort, um die Mysterien des Wartens zu ergründen.

Es ist zehn Uhr vormittags und buchstäblich gar nichts los an unserem zweigleisigen Haltepunkt. Gähnende Langeweile! Keine Mysterien in Sicht. Nach einer Weile frage ich mich, worauf ich eigentlich genau warte. Was meinte Beuys mit Mysterien? Paranormales, Grenzwissen, kultische Feiern mit geheimem Kern, Einweihungsriten?
Eine Leserin schrieb mir, dass es für sie total neu ist, dass das Erleben oder Entdecken von Mysterien das gleiche wie Erleuchtung sein soll. Eigentlich wollte ich mich an dieser Stelle nicht auf komplizierte Begriffsdefinitionen einlassen, aber ich merke, dass ich ihr Recht geben muss und eine Differenzierung vielleicht auch meiner Suche förderlich sein könnte.

Das Wort Mysterien deutet auf Geheimnisvolles und Rätselhaftes hin. Die Mysterienschulen alter Kulturen waren Orte, an denen ausgewählten Menschen Wissen vermittelt wurde, das für die Allgemeinheit nicht zugänglich war. Man sprach von Einweihung in geheimes Wissen, in magische Fähigkeiten, in spirituelle Praktiken, die oft auch mit bestimmten Aufgaben und Machtpositionen einhergingen. Zumeist waren es Priester oder Herrscher, die man als Vertreter des Göttlichen verehrte, denen man vertraute und folgte. Mich überkommt ein leises Unbehagen bei den Worten Mysterienwissen und Einweihung, eben weil beides vielfach mit Macht und Machtmissbrauch einherging, mit hierarchischen Strukturen und erstarrten Überlieferungen.

Unter Erleuchtung stelle ich mir wirklich etwas anderes vor, nämlich einen Menschen, dessen Lebenswandel von Achtsamkeit und „Nicht-Anhaftung“ am materielle, emotionale oder mentale Strukturen geprägt ist, jemand, der von seiner eigenen Göttlichkeit so durchdrungen ist, dass er leuchtet. Dazu braucht man nicht unbedingt über geheimes Wissen zu verfügen. Da geht es mehr um bedingungslose Liebe, um inneren Frieden und Einssein mit sich und der Welt, um Vereinigung mit dem Göttlichen, die sich in einer reinen, klaren, harmonisierenden Ausstrahlung manifestiert. Viele christliche Mystiker waren in diesem Sinn erleuchtet, auch viele einfache Menschen, die in Hingabe und Liebe dem Geistigen verbunden sind. Ich denke, dass Mysterien-Einweihung und Erleuchtung sich nicht unbedingt ausschließen müssen, sondern sich gut ergänzen können. Wissen kann Tore zu neuen Erfahrungswelten öffnen, die zu mehr Liebe und Frieden führen können.

Ich warte immer noch. Versuche mich zu entspannen. Der Haltepunkt ist gänzlich ausgestorben.

Warten ist eine der spirituellsten Übungen überhaupt, aber für mich auch eine der schwersten.

Ich hasse es auf etwas warten zu müssen, aber zu warten, ohne zu wissen worauf, ist geradezu eine übermenschliche Geduldsprobe. So ähnlich stelle ich mir die Prüfungen in den alten Mysterienstätten vor, durch die die Zöglinge auf die höheren Weihen vorbereitet wurden. Bekannt sind die Feuer-, Wasser- und Luftprobe im alten Ägypten, wo es darum ging, in gefährlichen oder unbekannten Situationen Seelenstärke und Gelassenheit zu entwickeln, um den ungewohnten und erschütternden Erlebnissen der Einweihung standzuhalten.
Tatsächlich ist der Bahnhof ein Ort, der wie kaum ein anderer geeignet ist, das Warten zu üben, ein Ort, an dem üblicherweise gewartet wird und wenig Aufregendes von diesem Wartezustand ablenkt.
Viele Menschen füllen diese Wartezeit mit Essen, Rauchen oder Lesen aus, einige scheinen traumverloren ihren Gedanken nachzuhängen. Sie wirken abwesend, nicht wirklich präsent.

Bei der Suche nach Erleuchtung geht es um eine andere Art des Wartens, eine, die eine totale Achtsamkeit erfordert. Erleuchtung hat etwas mit Bewusstheit zu tun, mit Präsenz bis in die Zehenspitzen hinein. Warten ohne Er-wartung, ohne Anhaftung an bestimmte Vorstellungen oder Resultate, das ist Freiheit! In diesem Zustand der wachsamen Gegenwärtigkeit ändert sich schlagartig die Wahrnehmung. Das Bewusstsein vertieft sich bis in die Körperprozesse hinein und erweitert sich gleichzeitig in den Umkreis hinaus. Wann haben wir schon Gelegenheit, uns auf eine solche Bewusstseinsübung einzulassen? Wenn der Alltag uns mit seinen Forderungen beherrscht, wir uns selber hinterherlaufen und unseren Terminplan erfüllen wollen, sind die Bedingungen denkbar ungünstig. Dagegen bietet das Warten auf das Eintreffen eines Zuges eine einzigartige Gelegenheit, diese unverhofft geschenkte Wartezeit mit lebendiger Präsenz zu erfüllen, vorausgesetzt, man ist nicht in Gedanken auf das erwartete Ereignis fixiert.

Ich gestehe, dass ich dazu neige, sehr leicht in eine solche Fixierung zu geraten. Dann werde ich ungeduldig, nervös, wütend oder ängstlich, je nachdem was von dem Eintreffen des Ereignisses abhängt.

Die Deutsche Bahn übertrifft in dieser Hinsicht jeden spirituellen Lehrmeister.

Sie verlangt einem Reisenden unerbittlich und schonungslos Warte-Übungen ab, die für normale Sterbliche unerträglich sein können. Allein für Erleuchtungswillige erschließt sich der geheime Sinn dieser Prüfungen. Heute kann ich allerdings die nun erscheinende Anzeige, dass der Zug voraussichtlich zehn Minuten später eintreffen wird, gelassen hinnehmen und die Wirkung dieser Botschaft auf die Wartenden studieren. Sie stöhnen, schimpfen, fluchen, verdrehen die Augen oder starren resigniert vor sich hin. Einige nehmen es mit Humor und erzählen sich gegenseitig ihre Erlebnisse mit der deutschen Bahn.

Leute, kapiert ihr denn nicht, dass es sich hier um eine spirituelle Übung handelt?

Ich gehe für heute nach Hause, bereichert um Einsicht, dass ein Bahnhof sich als Ort des Wartens besonders gut eignet, um Gegenwärtigkeit zu üben.

(Fortsetzung folgt)

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Immer wieder erreichen mich Fragen, an welchen Themen ich denn nun persönlich arbeite, was sich in den letzten Jahren an innerer Entwicklung vollzogen hat, die sich dann in dem äußeren Weg niederschlägt? An dieser Stelle kann ich nur auf mein jüngst erschienenes Buch „Kleingarten Kompost Karma“ verweisen, in dem ich sowohl den inneren roten Faden der letzten Jahre beschrieben habe als auch die jetzigen Forschungsthemen, die sich teilweise während des Schreibens neu aufgetan haben.

Da gab es zum Beispiel eine sehr spannende Grenzerfahrung während einer Meditation, die zuerst mit heftigen Widerständen einherging, mit Verzweiflung und Einsamkeit, mich dann aber zu einem bisher ungekannten Gefühl von Heimat und Geborgenheit führte. Im Bild befand ich mich auf einem Lichtplaneten von sehr liebevollen Wesen umgeben, die mich zu kennen schienen. Dabei tauchte das Wort Sirius auf. Mein Verstand rebellierte heftig dagegen und noch heute weiß ich nicht genau, was ich davon halten soll. Das innere Erlebnis wirkt auf jeden Fall befreiend nach. Ein Freund, der schon vor Jahren behauptet hatte, mich vom Sirius her zu kennen (was ich immer weit von mir gewiesen hatte), erzählte mir auf meine Nachfragen, dass die Wesen auf dem Sirius sehen und hören, was auf der Erde geschieht und es dort zu musikalischen Kunstwerken verarbeiten. Das sei eine wichtige Inspirationsquelle für Musiker.

Kurz nachdem ich das Manuskript vollendet hatte und es einigen Freunden zu lesen gab, bekam ich dann interessanterweise etliche spannende Rückmeldungen ausgerechnet zum Thema Sirius. Eine Freundin berichtete über eine Radiosendung, von der sie zufällig einen Teil hörte, in der sich ein Paar aus Ostdeutschland in einer auffallend liebevollen und achtsamen Weise unterhielt. Es ging darum, zu erklären, was sie unter Liebe verstehen. Sie sprachen darüber, wie sie miteinander umgehen, wie sie sich schätzen und lieben, aufeinander achten und umsorgen. Als der Mann die Frage stellte, was wohl geschieht, wenn sie nicht mehr sind und wo sie hinkommen, wenn sie sterben, antwortete die Frau wie selbstverständlich: „Auf den Sirius.“ Der Mann fragte nach, ob sie das wirklich so sicher weiß. Für die Frau schien das alles klar zu sein. Sie machte auf meine Freundin einen spirituell sehr wachen Eindruck, obwohl ihre Sprache ganz einfach klang.

Eine andere Freundin, die als Lehrerin in einer Schule für mehrfach behinderte Kinder arbeitet, machte mit ihren Schülern eine Nachtwanderung. Einer ihrer Zöglinge schaute dabei sehr in sich gekehrt nach unten. Sie ermunterte ihn, doch einmal nach oben zu den Sternen zu blicken. Da richtete er sich vor ihr auf und fragte sie, ob sie den Sirius kennt. Während sie darüber nachdachte, was er wohl mit dieser Frage wollte und ob er die Position des Sirius am Himmel meinte, hielt sie den Kopf etwas gesenkt, um besser nachdenken zu können. Der Schüler beobachtete sie und sagte bei einer späteren Gelegenheit: „… und da habe ich Sie gefragt, ob Sie den Sirius kennen. Und da haben Sie beschämt zu Boden geschaut!“

Auch andere Bekannte und Freunde erzählten mir, dass sie eine Beziehung zum Sirius haben oder sich dort beheimatet fühlen. Von vielen Seiten hörte ich, dass diese Seelen vom Sirius in der heutigen Zeit vermehrt auf der Erde erscheinen mit einem starken Friedensimpuls, der ein liebevolles harmonisierendes soziales Miteinander zum Ziel hat. So suchte mich einen neue Klientin auf, die große Mühe hatte, sich auf der Erde heimisch zu fühlen. Sie gehörte nirgends richtig dazu, fand trotz überragender Kompetenzen keinen geeigneten Wirkungskreis und wollte am liebsten gar nicht inkarniert sein. Auf meine vorsichtigen Nachfragen gestand sie mir, dass eigentlich der Sirius ihre Heimat sei, wo sie gerne wieder hin möchte. Ich fragte sie, was sie denn dort tun würde, wenn es ihr gelänge hinzukommen. Sie antwortete: „Liebe abstrahlen natürlich!“ „Kannst du das nicht auch hier auf der Erde tun?“ fragte ich weiter. Ja, das würde sie schon gerne, gab sie zurück, aber das sähe das Arbeitsamt nicht als einen anerkannten Job an.

Bei weiteren Recherchen stieß ich auf eine Aussage, des Komponisten Karlheinz Stockhausen, der einmal gesagt haben soll :

„Ich bin auf dem Sirius ausgebildet worden und will dort auch wieder hin, obwohl ich derzeit noch in Kürten bei Köln wohne. Auf Sirius ist es sehr geistig. Zwischen Konzeption und Realisation vergeht fast keine Zeit. Was man hier als Publikum kennt, passive Beisitzer, gibt es dort gar nicht. Da ist jeder kreativ.“

Auch Rudolf Steiner hat sich verschiedentlich über den Sirius als geistige Sphäre geäußert.

Hat jemand sonst noch Erfahrungen auf diesem Gebiet? Eigene Erlebnisse? Ich freue mich über entsprechende Zuschriften!

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Wie kann das bloß sein, dass neun Jahre nach meinem Interview immer noch so viele Leute darauf zugreifen, in letzter Zeit mehr denn je? (Ja, ich weiß,  und  haben in jüngster Zeit darauf hingewiesen, aber auch vorher wurde ich oft darauf angesprochen) Mit einigem Erstaunen nehme ich zur Kenntnis, dass das Thema wohl immer noch (oder jetzt erst recht?) offensichtlich viele Menschen bewegt. Offensichtlich ist vieles von dem damals Gesagten auch heute noch aktuell. Ich persönlich würde allerdings aus meiner heutigen Sicht an einigen Stellen Ergänzungen oder Relativierungen anbringen, anderes vielleicht gar nicht aussprechen oder jedenfalls mit mehr Distanz betrachten.

Es scheint mir an der Zeit, Bilanz zu ziehen und kundzutun, was sich seitdem in mir bewegt hat:

hdr1628 Vor neun Jahren bewirkte dieses Interview einen Wendepunkt in meiner Biografie insofern, als ich nach der Veröffentlichung von vielen Menschen und Orten gerufen wurde, um die Karmaarbeit in größerem Ausmaß als vorher in die Welt zu bringen. Dabei lernte ich viele Menschen kennen, die ähnliches erlebt hatten wie ich und einen (inneren und äußeren) Ausweg aus dem Dilemma suchten. Menschen, die schon in ihrer vorhergehenden Inkarnation mit Rudolf Steiner und der Anthroposophie in Berührung gekommen waren und diesmal jenseits der Gesellschaft sehr auf sich selbst und ihren eigenen Weg zurückgeworfen wurden. Keine Autoritäten mehr, kein Guru, kein Lehrgebäude! Das Einzige was zählt ist der Christusimpuls im eigenen Inneren, der gelebt werden will, nicht nur theoretisiert.
Zu einzelnen Aussagen in dem Interview, die ich zum jetzigen Zeitpunkt so nicht mehr machen würde, werde ich vielleicht später einmal Stellung nehmen. Das Wesentliche was sich für mich geändert hat ist, dass ich an den angesprochenen Themen völlig das Interesse verloren habe. Vielleicht ist das normal, dass Themen, die man so intensiv durchgekaut und wiedergekäut hat, irgendwann an Bedeutung verlieren? Ich weiß es nicht. Ich kenne auch Leute, die mit dem Wiederkäuen kein Ende finden. Jedenfalls denke ich im Moment:

„Wer will sich denn heute noch (immer wieder) mit der Anthroposophischen Gesellschaft und ihrer unerfreulichen Vergangenheit beschäftigen?

Ist das nicht längst abgestandener kalter Kaffee?“

Offensichtlich ist es nicht so einfach, den kalten Kaffee einfach wegzuschütten und neuen zu kochen, denn ich erlebe immer wieder, wie schmerzhaft die Verstrickungen von damals in vielen Seelen noch nachwirken und nach Klärung und Erlösung streben. Also freue ich mich, wenn mein „kalter Kaffee“ anderen Menschen noch schmeckt!

Unterdessen bin ich vor circa sechs Jahren aus der Anthroposophischen Gesellschaft ausgetreten. Das war kein spektakulärer oder emotionaler Akt, auch kein Protest gegen irgendwen oder -was, sondern eine friedliche spontane Entscheidung. Diese Anekdote will ich hier gerne erzählen:
Ich befand mich gerade in Dornach auf einer Arbeitsreise. Dornach war einer der Orte, an denen ich mehrmals im Jahr Einzelsitzungen in Karmaarbeit anbot. In der ersten Zeit hatte ich ein Quartier in unmittelbarer Nähe des Goetheanums. Ich verrichtete also meine – in den Augen dogmatischer Anthroposophen ketzerische – Arbeit mit stillem Vergnügen und mit heimlicher Genugtuung in Sichtweite der „Hochburg der reinen Lehre.“
In einer unerwartet eingetretenen Arbeitspause geschah es dann: Jetzt ist es soweit! dachte ich plötzlich, machte mich auf den Weg und betrat die heiligen Hallen. Eine gespenstische Stille empfing mich. Vielleicht ist es nicht immer so, aber in diesem Moment wirkte das Goetheanum auf mich wie ein toter Ort, eine Art Mausoleum, in dem Leichen verehrt werden.
Mit leichtem Gruseln schlich ich die einsamen Flure entlang. Endlich fand ich eine offenstehende Tür mit der Aufschrift „Sekretariat“. Tatsächlich befand sich in dem Zimmer ein lebendiger Mensch, eine freundliche Dame, der ich mein Anliegen vorbrachte, dass ich gerne aus der Gesellschaft austreten würde, aber leider meine Mitgliedskarte nicht zurückgeben könne, da ich sie bereits vor Jahren verloren hatte. Die Dame runzelte die Stirn und fragte nach meinen Gründen für diesen Schritt. „Die Zeit, in der das für mich stimmte, ist einfach abgelaufen.“ sagte ich lapidar. „Ich habe schon lange keine konkrete Anbindung und keinen Bezug mehr zu dieser Gesellschaft, obwohl ich die Anthroposophie nach wie vor schätze und ihr viel verdanke. Es ist ein Teil meiner Vergangenheit, für den ich dankbar bin, aber an dem ich trotzdem nicht länger kleben bleiben möchte.“ Auf dem Rückweg hatte ich das Bild eines vertrockneten Blattes, das sich im Frühjahr sanft vom Baum löst und friedlich hinab schwebt. Jetzt können die schon vorhandenen neuen Knospen wachsen! Kein Drama, auch keine besondere Erleichterung, sondern ein ganz natürlicher Prozess in Frieden und Dankbarkeit!

hdr1623 Etwas schwieriger war es dann zweieinhalb Jahre später, die Reste meiner Klostervergangenheit loszuwerden. Das gehört auch zum Thema, denn die Klosterstrukturen finden sich ja vielfach in der Anthroposophischen Gesellschaft wieder. Während eines Seminars hatte ich ein Bild, in dem ich mich in einer großen Klosterkirche befand, in der Gesellschaft von fünf anderen Mönchen, die mir das Klostergelübde abnehmen sollten. Dazu kamen die Worte: Ich habe mich unterworfen. Durch das Gelübde, mich den Klosterregeln zu unterwerfen, habe ich einen Teil meines freien Willens abgegeben.
Nun erkläre ich zwar, dass diese Zeiten vorbei sind und ich das Gelübde auflösen will, aber das scheint nicht so einfach zu sein. Die Brüder wollen mich nicht frei geben. Sie machen mir klar, dass ich ja nicht nur etwas abgegeben habe (nämlich den freien Willen), sondern dafür auch etwas bekommen habe: geistiges Wissen, Macht und das Privileg, sich in der Gemeinschaft der Kontemplation widmen zu können statt sich mit weltlichen Nöten herumzuschlagen. Ich solle mir bewusst machen, inwiefern ich profitiert habe und was ich dieser Entwicklung alles zu verdanken habe. Dafür sei ich der Kirche weiterhin verpflichtet und könne nicht so einfach das Gelübde brechen. Dieses energetische Band erweist sich als äußerst hartnäckig. Es braucht viel Kraft, um es allmählich aufzulösen. Mir wird klar, dass das auch mit meiner Lehrtätigkeit zu tun hat, denn das Vermitteln geistiger Inhalte durch ein kollektives Gedankengebäude bewirkt eine Bindung an dieses Kollektiv. Das Neue wird sein, durch reine Liebe zu wirken, nicht durch das Weitergeben einer Lehre.
Wenige Tage nach diesem Erlebnis befand ich mich wieder in Dornach und wollte einen Besuch in Arlesheim machen. Ich hatte einmal den Tipp bekommen, dass sich in der Krypta des Arlesheimer Doms in wunderbarer Stille-Raum befindet, den ich seitdem gelegentlich aufsuchte. Auch diesmal genoss ich die Stille und unglaubliche Kraftausstrahlung dieses Raumes. Wieder oben im Kirchenraum, fiel mein Blick auf ein aufgeschlagenes Buch in einer Seitenkapelle, in das jeder seine Wünsche und Gebete eintragen konnte. Ha! dachte ich, ein guter Ort, um meine katholischen Altlasten loszuwerden! Kurz entschlossen schnappte ich mir den Stift und schrieb:

Hiermit gebe ich alle alten Gelübde zurück!!

Und ging befreit und erleichtert hinaus….

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