Gelassen wie ein Baum

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Das Geheimnis der Goldmarie

Arbeit, Geld und Karma
-ein Werkstattgespräch

Herausgegeben von
Christiane Feuerstack

 

Christiane Feuerstack

Gelassen wie ein Baum

(Leseprobe)

Erstmal blieb nichts übrig als der Gang zum Sozialamt. Man kann es vielleicht nicht glauben, aber das kam mir damals wie ein ungeheurer Luxus an Sicherheit vor. Jeden Monat Geld auf dem Konto! Nicht mehr von Tag zu Tag fragen: „Und was essen wir morgen?“ Neben diesem Luxus habe ich auch alle Schikanen des Sozialamtes voll ausgekostet. Der erste Sachbearbeiter, der mir einen Job vermitteln sollte, überflog meine Unterlagen und sagte freundlich bedauernd: „Tja, überqualifiziert und für uns nicht vermittelbar. Aber vielleicht kann Ihnen meine Kollegin weiterhelfen.“ Die Kollegin, ein junges Geschöpf von Anfang zwanzig, musterte erst meine Unterlagen und dann mich mit abschätzigem Blick und sagte dann von oben herab: „Hm. Sie haben ja noch nicht mal eine richtige Ausbildung. Lernen Sie doch erstmal eine ordentliche Bewerbung schreiben!“ Was bin ich nun, über- oder unterqualifiziert? Auf jeden Fall war ich verunsichert, verwirrt und fühlte mich gedemütigt. Eingedenk meiner Überzeugung, dass die Lebensumstände, in die ich gerate, ein Spiegel meines überbewussten höheren Willens sind, konnte ich nicht umhin, diese Demütigung als Aufforderung zum Üben von Demut zu üben. Wenn ich es selbst bin, die diesen Film inszeniert hat, erlebe ich Demütigung als Folge meines Mangels an Demut. Nicht Demut diesen unbewusst funktionierenden Menschen gegenüber, sondern dem Schicksal gegenüber, dessen Werkzeuge sie sind. Dem Teil des Schicksals gegenüber, den man nicht mehr in der Hand hat, dem man sich beugen muss, indem einem die Ruder aus der Hand genommen werden und eine unheimliche verborgene Strömung einen in unbekannte Richtung mit unbekanntem Ziel fort trägt. Demut dem gegenüber, was ich nicht fassen kann, weil sein Sinn mir noch verborgen ist. 

 

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