Schlagwort: Beuys

„Jeder Mensch ein Eingeweihter!“

[Bild nicht gefunden]Ich bin wieder da. Wartend, gegenwärtig, präsent am Ort der modernen Mysterien. Diesmal herrscht Hochbetrieb. Viele Menschen warten, allein oder in kleinen Gruppen. Ich gehe auf und ab und schnappe einige Gesprächsfetzen auf: über Zigarettenmarken, Prüfungsnoten, Krankheiten, Ferienpläne usw. Nichts Mysteriöses also. Oder doch?

Die bisherigen Lektionen legen nahe, dass die wahren Mysterien in der Banalität des Alltags verborgen sind. In dem genannten Spiegel-Interview tritt Beuys mit seiner Aussage über die Mysterien am Hauptbahnhof den Vorwürfen des Spiegel-Reporters entgegenzutreten, seine Werke seien so überfrachtet mit mystischen und schamanischen Symbolen, dass sie wohl nur von fortgeschrittenen Anthroposophen verstanden werden könnten. Er betont, dass er doch auch ganz einfache Dinge sagt und den Leuten klarmachen will, dass er genauso ist wie sie selber. Bekannt ist sein Ausspruch: „Jeder Mensch ein Künstler!“ Das lässt den Schluss zu, dass es keine Geheimnisse mehr gibt, die nicht jedem heute lebenden Menschen zugänglich sind. Das mag stimmen, aber es muss noch lange nicht bedeuten, dass auch jeder erleuchtet ist.

[Bild nicht gefunden]Der Zug aus Kiel kommt an. Unter den Aussteigenden ist ein junger Matrose in Uniform. Sein Anblick lässt eine mir völlig fremde Welt vor meinem inneren Auge entstehen. Ich frage mich, wie seine Erfahrungswelt aussieht, sein Alltag, worin seine spezielle Lebenseinweihung bestehen mag?
Mir fällt eine Begebenheit ein, die mir eine völlig neue Sichtweise auf das Wort Einweihung eröffnet hat:

Es war vor einigen Jahren, als ich in Basel einen Vortrag hielt mit dem Titel:
„Über Reinkarnationserfahrungen sprechen“ (siehe auch den Text „Reinkarnationserfahrungen“) Ich erwähnte das geistige Gesetz, von dem Rudolf Steiner sagt, dass ein „Eingeweihter“ umso vollkommener ist, je strenger er dieses Gesetz beachtet. Es besagt, dass

man niemandem Wissen vorenthalten soll, dass ihm gebührt, aber auch niemandem etwas erzählen soll, wofür er nicht reif ist

bzw. das er nicht verstehen kann und es daher ablehnen würde.
Nach diesem Vortrag fragte mich ein Herr, ob ich eine „Eingeweihte“ sei. Ich fühlte mich vollkommen überrumpelt von dieser Frage und ging ausweichend darüber hinweg. Später fragte ich mich, was ich daran eigentlich so provozierend fand? Ist es die Bedeutung, die wir in das Wort „Eingeweihter“ legen, die etwas von übermenschlicher Größe beinhaltet, von okkultem Wissen, das nur wenigen auserlesenen überragenden Geistern zugänglich ist, von dem der normale Sterbliche ausgeschlossen ist?

Ich hatte in meinem Vortrag die Bedeutung allerdings viel allgemeiner gehalten, so dass das entsprechende Gesetz eigentlich immer gilt, wenn jemand über Wissen verfügt, das anderen Menschen nicht ohne weiteres zur Verfügung steht. Das betrifft naturwissenschaftliches Wissen genauso wie spirituelles Wissen oder auch jedes andere Wissensgebiet. Wenn beispielsweise ein Computerspezialist mich mit seinem Fachwissen zutextet, obwohl ich in dieses Wissensgebiet nicht „eingeweiht“ bin, muss er sich über meine Abwehrreaktionen nicht wundern. Wenn er aber einem Kollegen mit einem Problem nicht weiterhilft, obwohl er über das erforderliche Wissen verfügt, ist das auch nicht nobel!

Wie viele soziale Probleme könnten vermieden werden, wenn alle Menschen dieses Gesetz, das einen „Eingeweihten“ vollkommen macht, beachten würden!

So gesehen kann ich eigentlich alle Menschen als Eingeweihte betrachten, eingeweiht in Mysterien des Lebens, von denen ich oftmals keine Ahnung habe. Es sind aber nicht nur Fachleute mit speziellem Wissen, sondern ganz besonders erfüllen Kranke, Behinderte, Verrückte und Außenseiter das Kriterium der Einweihung in besondere Lebensmysterien. Sie alle verfügen über außerordentliche Erfahrungen und Wissen, das ihren besonderen Lebensumständen zu verdanken ist. Über welche außergewöhnlichen Fähigkeiten verfügt ein Autist, ein Legastheniker, ein Demenzkranker? Mit wem können sie ihr Wissen teilen? Welche Lebensrätsel erschließen sich einem Obdachlosen, einem Drogensüchtigen? Na, ich will hier nicht zu weit gehen, aber ich möchte doch (frei nach Beuys) behaupten:

„Jeder Mensch ein Eingeweihter!“

Ich gehe zufrieden nach Hause, bereichert um die Feststellung, dass der Bahnhof tatsächlich einen Mysterienort erster Güte darstellt. Man könnte allenfalls einwenden, dass die beschriebenen Erlebnisse sich auch an fast jedem beliebigen anderen Ort abspielen können, sogar im Goetheanum. Dem stimme ich zu.

Damit scheint mir der Beweis erbracht, dass die gesamte Erde in unserer Zeit eine einzige große Mysterienstätte ist!

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Warten

[Bild nicht gefunden]Eine Woche ist mit Warten vergangen. Dass die Fortsetzung meiner Geschichte auf sich warten ließ, hat den einfachen Grund, dass Warten im Moment das Thema schlechthin ist. Der Bahnhof als Schauplatz meiner Suche nach Mysterien entpuppt sich als phantastischer Ort, um die Mysterien des Wartens zu ergründen.

Es ist zehn Uhr vormittags und buchstäblich gar nichts los an unserem zweigleisigen Haltepunkt. Gähnende Langeweile! Keine Mysterien in Sicht. Nach einer Weile frage ich mich, worauf ich eigentlich genau warte. Was meinte Beuys mit Mysterien? Paranormales, Grenzwissen, kultische Feiern mit geheimem Kern, Einweihungsriten?
Eine Leserin schrieb mir, dass es für sie total neu ist, dass das Erleben oder Entdecken von Mysterien das gleiche wie Erleuchtung sein soll. Eigentlich wollte ich mich an dieser Stelle nicht auf komplizierte Begriffsdefinitionen einlassen, aber ich merke, dass ich ihr Recht geben muss und eine Differenzierung vielleicht auch meiner Suche förderlich sein könnte.

Das Wort Mysterien deutet auf Geheimnisvolles und Rätselhaftes hin. Die Mysterienschulen alter Kulturen waren Orte, an denen ausgewählten Menschen Wissen vermittelt wurde, das für die Allgemeinheit nicht zugänglich war. Man sprach von Einweihung in geheimes Wissen, in magische Fähigkeiten, in spirituelle Praktiken, die oft auch mit bestimmten Aufgaben und Machtpositionen einhergingen. Zumeist waren es Priester oder Herrscher, die man als Vertreter des Göttlichen verehrte, denen man vertraute und folgte. Mich überkommt ein leises Unbehagen bei den Worten Mysterienwissen und Einweihung, eben weil beides vielfach mit Macht und Machtmissbrauch einherging, mit hierarchischen Strukturen und erstarrten Überlieferungen.

Unter Erleuchtung stelle ich mir wirklich etwas anderes vor, nämlich einen Menschen, dessen Lebenswandel von Achtsamkeit und „Nicht-Anhaftung“ am materielle, emotionale oder mentale Strukturen geprägt ist, jemand, der von seiner eigenen Göttlichkeit so durchdrungen ist, dass er leuchtet. Dazu braucht man nicht unbedingt über geheimes Wissen zu verfügen. Da geht es mehr um bedingungslose Liebe, um inneren Frieden und Einssein mit sich und der Welt, um Vereinigung mit dem Göttlichen, die sich in einer reinen, klaren, harmonisierenden Ausstrahlung manifestiert. Viele christliche Mystiker waren in diesem Sinn erleuchtet, auch viele einfache Menschen, die in Hingabe und Liebe dem Geistigen verbunden sind. Ich denke, dass Mysterien-Einweihung und Erleuchtung sich nicht unbedingt ausschließen müssen, sondern sich gut ergänzen können. Wissen kann Tore zu neuen Erfahrungswelten öffnen, die zu mehr Liebe und Frieden führen können.

Ich warte immer noch. Versuche mich zu entspannen. Der Haltepunkt ist gänzlich ausgestorben.

Warten ist eine der spirituellsten Übungen überhaupt, aber für mich auch eine der schwersten.

Ich hasse es auf etwas warten zu müssen, aber zu warten, ohne zu wissen worauf, ist geradezu eine übermenschliche Geduldsprobe. So ähnlich stelle ich mir die Prüfungen in den alten Mysterienstätten vor, durch die die Zöglinge auf die höheren Weihen vorbereitet wurden. Bekannt sind die Feuer-, Wasser- und Luftprobe im alten Ägypten, wo es darum ging, in gefährlichen oder unbekannten Situationen Seelenstärke und Gelassenheit zu entwickeln, um den ungewohnten und erschütternden Erlebnissen der Einweihung standzuhalten.
Tatsächlich ist der Bahnhof ein Ort, der wie kaum ein anderer geeignet ist, das Warten zu üben, ein Ort, an dem üblicherweise gewartet wird und wenig Aufregendes von diesem Wartezustand ablenkt.
Viele Menschen füllen diese Wartezeit mit Essen, Rauchen oder Lesen aus, einige scheinen traumverloren ihren Gedanken nachzuhängen. Sie wirken abwesend, nicht wirklich präsent.

Bei der Suche nach Erleuchtung geht es um eine andere Art des Wartens, eine, die eine totale Achtsamkeit erfordert. Erleuchtung hat etwas mit Bewusstheit zu tun, mit Präsenz bis in die Zehenspitzen hinein. Warten ohne Er-wartung, ohne Anhaftung an bestimmte Vorstellungen oder Resultate, das ist Freiheit! In diesem Zustand der wachsamen Gegenwärtigkeit ändert sich schlagartig die Wahrnehmung. Das Bewusstsein vertieft sich bis in die Körperprozesse hinein und erweitert sich gleichzeitig in den Umkreis hinaus. Wann haben wir schon Gelegenheit, uns auf eine solche Bewusstseinsübung einzulassen? Wenn der Alltag uns mit seinen Forderungen beherrscht, wir uns selber hinterherlaufen und unseren Terminplan erfüllen wollen, sind die Bedingungen denkbar ungünstig. Dagegen bietet das Warten auf das Eintreffen eines Zuges eine einzigartige Gelegenheit, diese unverhofft geschenkte Wartezeit mit lebendiger Präsenz zu erfüllen, vorausgesetzt, man ist nicht in Gedanken auf das erwartete Ereignis fixiert.

Ich gestehe, dass ich dazu neige, sehr leicht in eine solche Fixierung zu geraten. Dann werde ich ungeduldig, nervös, wütend oder ängstlich, je nachdem was von dem Eintreffen des Ereignisses abhängt.

Die Deutsche Bahn übertrifft in dieser Hinsicht jeden spirituellen Lehrmeister.

Sie verlangt einem Reisenden unerbittlich und schonungslos Warte-Übungen ab, die für normale Sterbliche unerträglich sein können. Allein für Erleuchtungswillige erschließt sich der geheime Sinn dieser Prüfungen. Heute kann ich allerdings die nun erscheinende Anzeige, dass der Zug voraussichtlich zehn Minuten später eintreffen wird, gelassen hinnehmen und die Wirkung dieser Botschaft auf die Wartenden studieren. Sie stöhnen, schimpfen, fluchen, verdrehen die Augen oder starren resigniert vor sich hin. Einige nehmen es mit Humor und erzählen sich gegenseitig ihre Erlebnisse mit der deutschen Bahn.

Leute, kapiert ihr denn nicht, dass es sich hier um eine spirituelle Übung handelt?

Ich gehe für heute nach Hause, bereichert um Einsicht, dass ein Bahnhof sich als Ort des Wartens besonders gut eignet, um Gegenwärtigkeit zu üben.

(Fortsetzung folgt)

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