Begegnung mit Hans-Frieder Willmann

[Bild nicht gefunden]Wer mein Interview von 2004 bis zum allerletzten Schluss gelesen hat, wird dort auf den Namen Hans-Frieder Willmann gestoßen sein. Dieser Name begegnete mir zum ersten Mal im Herbst 1995 in dem Buch „Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner“, in dem er einen Nachruf auf seine ehemalige Lehrerin Clara Michels verfasst hatte. Seine liebevolle Charakteristik sprach mich sehr an, ich konnte einige der geschilderten Wesenszüge in mir wiedererkennen, sodass ich mich in meiner Vermutung bezüglich meiner vorigen Inkarnation als Clara Michels bestätigt fühlte. Er beschrieb dort unter anderem, wie seine Lehrerin ihm half, seine Schreibblockade zu überwinden, indem sie ihn ermunterte, seinen Aufsatz einfach im schwäbischen Dialekt zu schreiben, den er zu Hause sprach.

Einige Zeit nach dieser Lektüre kam ich während eines Stadtbummels in Stuttgart (wo wir damals wohnten) am „Tagblatt-Turm“ vorbei, der Residenz des Stuttgarter Wochenblattes. Mein Blick fiel beiläufig ins Schaufenster – und ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen: in der Auslage befanden sich mehrere Bücher von einem Autor namens Hans-Frieder Willmann. Kann das Zufall sein? Aufgeregt betrat ich den Ladenraum und studierte den Klappentext der Bücher. Kein Zweifel, dort hieß es, der Autor sei 1922 geboren und habe die Stuttgarter Waldorfschule besucht. Ich kaufte zwei der Bücher und beschloss, die Spur weiter zu verfolgen. Lebt er noch? Wenn ja, wo? Was hat er mit dem Stuttgarter Wochenblatt zu tun?

Es war schon eine seltsame Vorstellung, dass ein Mensch, den ich in meinem vorherigen Leben als Kind kannte, mir jetzt als alter Mensch begegnen könnte!
Ein Anruf beim Wochenblatt ergab, dass man mir weder Adresse noch Telefonnummer geben dürfe, aber ich könne ihm einen Brief an die Adresse des Wochenblattes schreiben, entweder unter dem Namen Hans-Frieder Willmann oder Fred Wiesen, das sei sein Pseudonym.
Fred Wiesen??! Es dauerte nicht lange, bis der Groschen fiel. Dieser Name ist nun wirklich allen Stuttgartern geläufig durch seine wöchentliche Kolumne „Stuttgarter Tagebuch“ im Stuttgarter Wochenblatt. Erst später erfuhr ich, dass er lange das Wochenblatt als Herausgeber und Gesellschafter führte.

Zunächst schrieb ich den Brief. Ich wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und fragte vorsichtig, ob er bereit sei, mir etwas aus seinen Erinnerungen an Clara Michels mitzuteilen, ich hätte ein Forschungsinteresse an dieser Person. Er rief mich an, erreichte aber nur den Anrufbeantworter und versprach, sich nach seinem nun beginnenden Urlaub wieder zu melden. Auf diesen Anruf wartete ich jedoch vergebens.
So schnell wollte ich aber nicht aufgeben und versuchte es ein Jahr später noch einmal. Es spielte sich exakt dasselbe ab: Er sprach mir auf den Anrufbeantworter mit der Ankündigung, sich nach seinem Urlaub wieder zu melden. Wiederum geschah nichts. Nach einem weiteren Jahr sollte es der dritte und letzte Versuch werden. Diesmal erreichte er mich und fragte nach dem „journalistischen Aufhänger“ für meine Recherchen. Etwas verlegen gestand ich, dass mein Interesse eher privater Natur sei, was ich ihm aber lieber in einem persönlichen Gespräch erklären würde als telefonisch. Daraufhin plauderte er eine Weile aus seinen Erinnerungen an seine Lehrerin, bevor er mir – nun schon zum dritten Mal – versprach, sich nach seinem Urlaub wieder zu melden. Dieses kurze Gespräch löste eine starke Resonanz in mir aus, es stiegen sogar Bilder von einer noch früheren karmischen Begegnung in Ägypten auf. Insofern hatte es schon den Effekt, den ich mir quasi als Bestätigung erhofft hatte. Der versprochene Anruf blieb jedoch wieder aus. Ich gab auf. Drei Versuche sind genug! Es soll wohl nicht in diesem Leben sein!
Oder doch?

Etwas später nahm ich einen Job bei der Post als Briefsortiererin in unserem Stadtbezirk an. Da fiel mir der Name Hans-Frieder Willmann auf Briefen auf. So wurde das Geheimnis um die vom Wochenblatt streng geheim gehaltene Adresse gelüftet! Ich realisierte, dass er ganz in meiner Nähe wohnte und ich täglich an seinem Haus vorbei kam. Von nun an war ich sehr wachsam beim Passieren des Hauses. Ob sich vielleicht ein „zufälliges“ Treffen ergeben würde? Aber auch das geschah nicht, obwohl ich den alten Herrn mehrmals von Weitem in seinem Garten oder am Fenster erblickte.
Im März 2000 zogen wir schließlich nach Eckernförde. Damit schien das Thema abgehakt zu sein.
Es tauchte erst wieder auf, als im Februar 2004 in der Zeitschrift Lazarus das Interview mit mir erschien, in dem der Nachruf von Hans-Frieder Willmann auf Clara Michels erwähnt wurde. Es wäre mir unangenehm gewesen, hätte er davon auf Umwegen erfahren. Also beschloss ich, ihm die Zeitschrift zuzuschicken und eine persönliche Erklärung hinzuzufügen. Ich verwies auf meinen dreimaligen Kontaktversuch, aber auch mein Unvermögen, mein eigentliches Motiv damals so konkret zu formulieren. Am nächsten Tag klingelte das Telefon. Er sei schwer beeindruckt und wolle mich unbedingt kennenlernen, sagte Herr Willmann. Das ließ sich leicht arrangieren, denn ich war ohnehin mehrmals im Jahr in Stuttgart auf Arbeitsreise.
Als ich die Treppe zu seinem Haus hinaufstieg, kommentierte er mein Erscheinen mit den Worten:

„Keine Frage, die Maika in jung!“

Maika war der Kosename, den die Klasse ihrer Lehrerin gegeben hatte. Es ist das ungarische Wort für Mutter. Es war eine sehr intensive Begegnung, in der ich viele interessante Einzelheiten über Clara Michels erfuhr. Ein zweites Treffen einige Monate später brachte dann aber nicht mehr viel Neues an den Tag, sodass ich es damit bewenden ließ.
Hans-Frieder Willmann ist trotz seiner inzwischen gut neunzig Jahre immer noch tätig, unter anderem im Stiftungsvorstand des Rudolf-Steiner-Nachlasses. In den letzten Jahren sind auch mehrere Bücher von ihm erschienen, das letzte im vergangenen November. Das Überwinden der Schreibblockade scheint sich gelohnt zu haben!

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