Karma der Kinder

cf_unicefkids_03925 Viele Leser werden den Hinweis Rudolf Steiners kennen, sich abends mit dem Engel eines Kindes zu verbinden, ihn bei Problemen um Rat zu fragen oder um seine Hilfe zu bitten. Die Engel antworten immer, auch wenn man es nicht immer gleich versteht, sei es unmittelbar in der Meditation oder indem z.B. am nächsten Tag ein klärender Gedanke von innen auftaucht oder aber von außen an uns herangetragen wird, durch andere Menschen, Bücher, Gespräche oder durch das Verhalten des Kindes selbst. Man muss sehr wach beobachten, um die Antworten wahrzunehmen und richtig zu deuten. Die größere Kunst ist es jedoch, zu den richtigen Fragestellungen zu kommen und den Wechsel zwischen den verschiedenen Bewusstseinsebenen zu berücksichtigen. Imagination, Inspiration und Intuition können nur eintreten, wenn der Alltagsverstand schweigt. Diesen wiederum brauchen wir, um Fragen zu finden und die bildhaften oder gefühlsmäßigen Wahrnehmungen sinngemäß zu interpretieren.

Deshalb ist es hilfreich, mit einem erfahrenen Menschen zu zweit oder in einer Gruppe zu üben, bis man Sicherheit im Umgang mit diesen inneren Bildern bekommen hat. Dann übernimmt einer die Verstandesarbeit und der andere kann ganz in die imaginative Ebene eintauchen. Mit einiger Übung gelingt das auch alleine, wie das folgende Beispiel zeigt:

Ich hatte als Lehrerin einen Sechstklässler zu unterrichten, der durch sein auffälliges Verhalten eine große Belastung für seine Mitschüler und Lehrer war. Ein zartgliedriger, sensibler hübscher Junge, Brillenträger und schwerer Asthmatiker, der einen außerordentlich hüllen- und schutzlosen Eindruck machte. Er war oft so außer sich, dass er nur herumrennen, toben, balgen, schreien konnte, mal übermütig johlend, mal wie innerlich verzweifelt nach einem Ausweg suchend.

Ich versuchte in einer Meditation nach der Ursache dieses Phänomens zu fragen. Dazu stellte ich mir den Jungen samt seinem Engel vor und fragte als erstes: Was brauchst du? Was fehlt dir? Kann ich etwas für dich tun? — Die Antwort war zunächst ein verschreckter Blick, als ob ihm schon das Angesprochenwerden Panik bereitet. Diesen Blick kannte ich auch schon aus dem Alltag. Ich fragte seinen Engel, ob es mir erlaubt sei, nach der Ursache dieser Panik zu fragen. Als Antwort verändert sich das Gesicht des Jungen in ein Säuglingsgesicht, nur der panische Blick blieb. Der Säugling lag im Kinderwagen, ringsherum war eine hektische Kriegsatmosphäre wahrnehmbar, Menschen auf der Flucht, Angst, Panik. Die Mutter des Kindes, wo ist sie?

Auf diese Frage hin tritt dir Mutter ins Bild, die ebenfalls mit ihren Kindern auf der Flucht ist. Das Jüngste, eben dieser Säugling, stellt für diese Flucht ein großes Hindernis, eine Gefahr dar. Sie steht vor der schwerwiegenden Entscheidung, entweder das Durchkommen der gesamten Familie zu gefährden, oder aber dieses Kind zurückzulassen und seinem Schicksal zu überlassen. Sie entscheidet sich für das letztere, rettet dadurch sich und die anderen Kinder, während der Säugling allein, verlassen, in panischer Angst zurückbleibt und ums Leben kommt.

cf_unicefkids_03953_2 Dass ein solches unverarbeitetes Schockerlebnis sich bei der nächsten Inkarnation bis ins Körperliche hinein eingräbt, ist ebenso verständlich wie die Tatsache, dass diese nächste Inkarnation in relativ kurzem Abstand erfolgt, da der Impuls für das vorige Erdenleben sich nicht verwirklichen konnte. Betroffen machte mich die Tatsache, dass dieser Junge diesmal der Jüngste von vier Brüdern, ein nicht mehr wirklich erwünschter Nachzügler war. Beide Eltern arbeiteten voll und hatten kaum Zeit für die Kinder. Es gibt sicher viele Kinder, die mit einer solchen Situation problemlos umgehen können und darin sogar eine gewisse Stärke und Selbständigkeit entwickeln. Aber bei einer derartigen karmischen Vorbelastung reicht schon das Gefühl, von der Mutter nicht genügend beachtet und umsorgt zu sein, aus, um ein altes Trauma zu reaktivieren.

Durch dieses bildhafte Erlebnis konnte ich dem Jungen tiefstes Mitgefühl und Verständnis entgegenbringen. Es trat das Bedürfnis auf, ihm zukünftig mehr umhüllende Wärme, Sicherheit und Vertrauen zu vermitteln. Des weiteren bekam ich in dem Bild gezeigt, dass die damalige Mutter bis an ihr Lebensende an schweren Schuldgefühlen litt und auch noch im Tod durch diese Selbstvorwürfe belastet war. Solche Emotionen schaffen ungeheuer starke Verbindungen, die oft über viele Inkarnationen bestehen bleiben können, bis die negativen Anteile gereinigt und verwandelt werden. Wird so etwas in einer Meditation erkannt, kann mit Hilfe der Engel eine Lösung und Heilung eingeleitet werden. In diesem Falle wurde eine Verbindung zu der Seele dieser Mutter möglich, die dadurch zu der Einsicht kam, dass sie weder sich selbst noch dem Kind einen Gefallen tut, sondern beide in ihrer weiteren Entwicklung unfrei und behindert sind, solange sie an ihren Schuldgefühlen festhält. Es muss dann neues Vertrauen in das Schicksal und den Sinn aller Erfahrungen gefasst werden

Soweit die Ergebnisse der Meditation.

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cf_unicefkids_03968 Am folgenden Tag raste der Junge wie gewohnt in den Klassenraum. Plötzlich blieb er vor mir stehen, wurde ganz still, beinah andächtig und sah mir tief in die Augen. Wir sprachen beide kein Wort. In meinem Blick schwang sicher alles mit, was ich tags zuvor erlebt hatte. In seinem Blick lag zunächst Erstaunen, dann Dankbarkeit, Befreiung, Erleichterung, als ob er sagen wollte: endlich jemand, der mich versteht! Danach ging er wortlos zu seinem Platz und machte still und eifrig mit, zeigte dabei seine erstaunlichen Fähigkeiten, die vorher nie zum Vorschein gekommen waren und verblüffte dadurch sowohl mich als auch seine Mitschüler. Solche Momente wurden von da an häufiger, wenngleich sein früheres Verhalten dadurch noch nicht vollständig verschwunden war.“ –

Es müssen in einer solchen bildhaften Schau nicht zwangsläufig Bilder aus früheren Leben auftauchen, vieles deutet auch symbolhaft auf Problematiken hin. Ein weiteres Beispiel soll zeigen, wie mit einem Kind selbst in urbildartiger, märchenhafter Form ein Problem bearbeitet werden konnte:

Die fünfjährige Roswitha (Name geändert) kam zu mir zur Heileurythmiebehandlung. Sie stolperte ständig, war ungeschickt beim Gehen, konnte nicht hüpfen und klettern und schien kaum eine Wahrnehmung ihrer eigenen Beine und Füße zu haben. Ein sehr phantasievolles waches Kind, das die Eurythmie liebte und jedes Mal begeistert mitmachte. Die Bewegungen der Arme und Hände waren sehr differenziert, harmonisch und geschickt, aber mit den Füßen kamen wir einfach nicht weiter. Eines Tages benutzte ich die Ausruhzeit am Ende der Behandlung zu folgendem Versuch:

T: „Kannst du dir vorstellen, so klein zu sein, dass du in diese Kupferkugel hineinpasst und dass da auch noch ein Turm drin ist?“
R: „Ja, das ist ein kupferfarbener Turm, so wie die Kugel.“
T: „Hat der eine Tür?“
R: „Nein.“
T: „Fenster?“
R: „Ja, ganz oben.“
T: „Kannst du da eine Leiter anstellen und reinklettern?“
R: „Nee, da ist keine Leiter. Aber Rapunzel sitzt da oben und lässt die Haare runter, daran kann ich raufklettern. Und jetzt bin ich Rapunzel und warte auf den Königsohn, aber da kommt die Hexe, die mich hier eingesperrt hat.
T: „Pass mal auf, ich verstecke mich jetzt hier und wenn die Hexe kommt, nehme ich ihr den Schlüssel ab.“
R: „Au ja. Da kommt sie schon.“
(Wir entwenden der Hexe den Schlüssel und können damit die Tür zum unteren Bereich öffnen)
R: „Da unten stehen zwei goldene Pferde, auf denen können wir zu meinen Eltern reiten. Da gibt es jetzt auch eine Tür, die geht auf, da können wir raus!“

Als Roswitha das nächste Mal kam, sagte sie gleich zur Begrüßung:

„Heute müssen wir wieder zu dem Turm gehen!“

Wir machten aber zunächst die Heileurythmieübungen. Am Bewegungsbild hatte sich noch nicht viel geändert. Anschließend machten wir wieder eine „Bilderreise“. Der Turm so genauso aus wie beim ersten Mal, wieder gab es keine Tür und wieder ließ Rapunzel die Haare runter und saß oben gefangen.

R: „Die Hexe hat den Schlüssel wieder zurückgeholt, das nützt nicht, den zu nehmen, die holt den immer wieder! Die lässt mich erst frei, wenn wir sie umbringen!“
T: „Wie willst du das denn machen?“
R: „Tot stechen mit dem Messer! Oder erschießen!“
T: „O.k., ich helfe dir:“—
R: „Jetzt ist sie tot… o je! Jetzt ist sie wieder lebendig und da sind auf einmal ganz viele Hexen, die kommen von allen Seiten!“
(Die Vervielfältigung des Bedrohlichen ist ein typisches Phänomen des Doppelgängers, wenn man sich gegen ihn wehren will).
T: „Kannst du deinen Engel um Hilfe bitten?“
R: „Ja, der ist da über uns und wirft mir ein Schwert zu, mit dem kann ich die Hexen töten! …O je, da oben sind auch Hexen, die werfen den anderen Hexen auch Schwerter zu!“
T: „Dann rufe den Erzengel Michael, dass er dir eine Rüstung und ein Lichtschwert gibt:“
R: „Ja, der hilft mir.“
(Nach langem Kampf sind alle Hexen getötet und begraben. Die goldenen Pferde stehen wieder unten im Turm und wir können durch die geöffnete Türe hinaus reiten)

Bei der nächsten Behandlung staune ich nicht schlecht: Roswitha springt und hüpft, hat Spaß an den Fußübungen und beherrscht sie exzellent. Nun bin ich neugierig, wie der Turm diesmal aussieht.

R: „Der Turm ist jetzt ganz golden. Die Tür ist offen, da kann man jetzt reingehn zu den Pferden.“
T: „Und die Hexe?“
R: „Die ist für immer tot!“ –

Um auf die eingangs gestellten Fragen zurückzukommen, ob wir ein Recht oder gar die Pflicht haben, in dieser Richtung zu forschen und korrigierend einzugreifen, und wie wir diesbezüglich Sicherheit gewinnen können, möchte ich abschließend antworten:

Die Sicherheit, keine Fehler zu machen, gibt es nicht, solange wir als Menschen auf der Erde inkarniert sind.

002170_2003-06-03_fognin_junge_or.jpg Die Möglichkeit des Irrtums ist Bestandteil des Menschseins. Dies sollte uns aber nicht daran hindern, nach bestem Wissen und Gewissen von den Möglichkeiten und Fähigkeiten, die uns potentiell zur Verfügung stehen, auch Gebrauch zu machen. Die entsprechenden Fähigkeiten sind heute bei vielen Menschen veranlagt und lassen sich durch systematische Schulung zu Wahrnehmungsorganen entwickeln, die uns größere Zusammenhänge erkennen lassen und den Blick für das Wesentliche schärfen.

Viele Menschen, mit denen ich in der geschilderten Weise gearbeitet habe, haben von verblüffenden Wirkungen berichtet, die sich unmittelbar im Leben zeigten. Die Zeit, die in eine solche Arbeit investiert werden muss, zahlt sich in der Regel hundertfach aus. Viele scheinbar festgefahrenen Situationen und Probleme lassen sich durch die Einsicht in karmische Zusammenhänge lösen oder zumindest besser verstehen. So gesehen sollte es eigentlich keinen Grund geben, sich diesem großen neuen Feld, das sich der Pädagogik hierdurch eröffnet, zu verschließen.

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