Reinkarnationserfahrungen

Über Reinkarnationserfahrungen sprechen

(erstmals veröffentlicht in der Zeitschrift Lazarus, 2005)
Siehe auch: Interview mit Christiane Feuerstack
und Blogbeitragneun Jahre später

_328083_2013-12-24_fognin_baltfried_hdr3_1680 In welcher Form können wir über Reinkarnationserlebnisse oder überhaupt über geistige Erfahrungen sprechen, die nur unserem eigenen Bewusstsein, nicht aber zugleich der Erfahrungswelt der anderen Menschen zugänglich sind und daher oft Befremden, Unverständnis oder sogar Ablehnung hervorrufen können? Gibt es Grundregeln oder ethische Kriterien dafür? Welche Motive gibt es überhaupt, unsere intimsten Innenerlebnisse anderen Menschen zu offenbaren? In welchen Situationen sind wir verpflichtet, Erkenntnisse aus geistiger Forschung anderen Menschen zugänglich zumachen? Und welche Situationen verbieten ein solches Vorgehen?

Rudolf Steiner äußert sich im ersten Kapitel (Bedingungen) seiner Schrift „Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?“ folgendermaßen:

„….es gibt ein natürliches Gesetz für alle Eingeweihten, das sie dazu veranlasst, keinem suchenden Menschen ein ihm gebührendes Wissen vorzuenthalten. Aber es gibt ein ebenso natürliches Gesetz, welches besagt, dass niemandem irgendetwas von den Geheimnissen ausgeliefert werden kann, zu dem er nicht berufen ist. Und ein Eingeweihter ist umso vollkommener, je strenger er diese beiden Gesetze beobachtet. …“

Was ist ein natürliches Gesetz? Eines, das an der Natur ablesbar ist, so selbstverständlich, wie man weiß, dass es Unsinn ist, einen Menschen, der noch nicht Gehen, Sprechen und Denken gelernt hat, mit dem großen Einmaleins zu konfrontieren? Woran erkennt ein Eingeweihter, wie es um den geistigen Entwicklungsstand eines Menschen bestellt ist, was man ihm anvertrauen darf und was nicht? Ist das Fragen nach geistigen Wahrheiten ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Fragende reif für eine Antwort ist?

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Rudolf Steiner fährt weiter fort:

„Du magst das Herz, die Liebe eines Eingeweihten im vollsten Sinne genießen; sein Geheimnis wird er dir erst anvertrauen, wenn du reif dazu bist. Du magst ihm schmeicheln, du magst ihn foltern, nichts kann ihn bestimmen, dir irgendetwas zu verraten, von dem er weiß, dass es dir nicht verraten werden darf, weil du auf der Stufe deiner Entwicklung dem Geheimnis noch nicht den rechten Empfang in deiner Seele zu bereiten verstehst. Die Wege, die den Menschen reif zum Empfange eines Geheimnisses machen, sind ganz bestimmte. […] Nur in der eigenen Seele kann der Mensch die Mittel finden, die ihm den Mund der Eingeweihten öffnen. Gewisse Eigenschaften muss er in sich bis zu einem bestimmten hohen Grade entwickeln, dann können ihm die höchsten Geistesschätze zuteil werden.“

_328322_2013-12-24_fognin_baltfried_hdr3_1680 Was sind das für Eigenschaften, die da gefordert sind? Auch das wird im Folgenden ausführlich beschrieben: es ist eine Grundstimmung von Devotion, von Verehrung gegenüber Wahrheit und Erkenntnis notwendig, die die Seele stärkt und empfänglich macht für geistige Wahrheiten. Die in der heutigen Zeit eher übliche innere Haltung der Kritiksucht, des Urteilens und Opposition -einnehmens bewirkt das Gegenteil: die innere Abschottung, Verhärtung gegenüber Botschaften aus der geistigen Welt.

Laut Rudolf Steiner sieht der Eingeweihte an der Aura des Menschen, ob eine Seele sich verehrende devotionelle Gefühle angeeignet hat oder zu Antipathie, Missachtung, Unterschätzung des Anerkennenswerten neigt. Er weiß also aufgrund dieser Wahrnehmung, wem er etwas mitteilen darf und wem nicht. Für unsere Fragestellung gilt im Prinzip dasselbe. Denn auch, wenn wir die Aura nicht sehen können, ist es mit einer entsprechend geschulten Aufmerksamkeit wahrnehmbar, wer für die Mitteilung geistiger Erfahrungen vorbereitet ist und wer nicht. –

“ Ein jeder Baum wird an seiner Frucht erkannt.“

heißt es im Lukasevangelium (6,44)

„Denn wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund.“

Man braucht eigentlich nur gut hinzuhören, worüber und vor allem wie jemand spricht, um zu wissen, ob es ratsam ist, ihm geistiges Wissen mitzuteilen, und wenn ja, in welcher Form. Jesus sprach anders zum Volk als zu den Jüngern oder den Eingeweihten. Er brauchte viele Jahre Vorbereitung, um zu wissen, zu wem man in Bildern oder Gleichnissen sprechen muss und wer die Wahrheit unverhüllt ertragen kann.
Auch richtiges Zuhören erfordert eine Art devotioneller Haltung vor dem Wesen des anderen Menschen, eine Achtung seiner Freiheit, Enthaltung von Kritik und Abwertung, um ihn da abholen zu können, wo er wirklich steht. Es gilt also zum einen, Gespür zu entwickeln für die Aufnahmebereitschaft des Mitmenschen, zum anderen für den eigenen richtigen Ton.

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Valentin Tomberg nennt das die Eigenschaft des geistigen Taktes:

„Der Mensch lernt, was den verschiedenen Menschen gegenüber ausgesprochen werden kann. Soviel kann ausgesprochen werden, wie der Mensch an Moralischem entgegenbringt. Die höchsten Dinge können ausgesprochen werden, wenn sie mit dem Herzton der Moralität verbunden sind. Verraten ist ein Geheimnis dann, wenn es als mechanisches, gehirnmäßiges Wissen vermittelt wird. Es ist dann etwas anderes als es sein sollte…. „

Und weiter:

„…geht es darum, nicht darüber zu verzweifeln, dass man den Menschen nicht immer Mitteilungen über diese Erkenntnisse machen kann, und sicher zu sein, dass das Vertreten der Wahrheit nicht hoffnungslos ist, trotz aller Erfahrungen, die dagegen sprechen. Er muss der menschlichen Natur vertrauen lernen, denn da lebt die Sehnsucht nach der Wahrheit, nach dem Tempel. An diese Sehnsucht muss er appellieren und die Hoffnung haben, dass sie durchscheint durch alle Schichten, die sie verhüllen. Im Vertrauen darauf muss er wagen, diese Dinge so zu vertreten, wie es ihm sein Takt diktiert.“

(Valentin Tomberg: Sieben Vorträge über die innere Entwicklung des Menschen, 6. Vortrag, Achamoth Verlag Schönach 1993)

Es gehört aufrichtige selbstlose Liebe zum Wesen des anderen Menschen dazu, um diese Dinge so zu vermitteln, dass sie der Entwicklung des anderen dienlich sind. Auch das Aussprechen unangenehmer Wahrheiten kann dem Entwicklungsfortschritt dienen und Ausdruck einer überpersönlichen Liebe sein.

_328110_2013-12-24_fognin_baltfried_hdr3_1680 Für die eigene Sensibilisierung, die Erlangung des nötigen Taktgefühls kann es eine gute Vorübung sein, sich selbst beim Sprechen zuzuhören, wenn man etwas über sich selbst erzählt, verbunden mit der inneren Frage: was motiviert mich eigentlich dazu, etwas von mir preiszugeben?
Ist es reines Mitteilungsbedürfnis, Geschwätzigkeit, Eitelkeit, Geltungsdrang, Rechthaberei, Besserwisserei, Belehren wollen, wo niemand gefragt hat? Oder spüre ich, dass etwas gesagt werden will, was der andere jetzt wirklich braucht? In solchen Momenten wird man oft erleben, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt oder zweifelt, ob es jetzt richtig ist, etwas mitzuteilen, sondern etwas spricht dann durch einen hindurch, man wird zum Werkzeug der geistigen Welt. Je weniger Egoismus im Spiel ist, umso mehr kann so etwas geschehen. Was man bei sich selber entdeckt im selbstkritischen Hinhören auf die eigene Sprache, wird man auch bei Anderen wahrnehmen können. Tonfall, Ausdrucksweise, Stimmveränderungen verraten oft mehr als Worte.
Einfacher ist die Entscheidung, ob es angemessen ist, über geistige Inhalte zu sprechen, in dem Moment, wo eine echte Frage danach gestellt wird. Manchmal muss man einfach auch warten können, bis eine solche Frage den richtigen Zeitpunkt und die entsprechende Bereitschaft signalisiert. Rudolf Steiner hat oft lange warten müssen mit einem Impuls, bis die richtige Frage an ihn gestellt wurde. Bekannt ist die Geschichte der Entstehung der Eurythmie, die vielleicht einige Jahre früher möglich gewesen wäre, wenn Margarita Woloschin auf die Frage Rudolf Steiners nach einem Vortrag: „Könnten Sie das tanzen?“ mit dem entsprechenden Interesse bzw. einer Gegenfrage reagiert hätte. Aber selbst eine ehrliche Frage ist nicht immer ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Betreffende für die Antwort reif wäre. Auch da gilt es, abzuspüren, was in diesem Augenblick wirklich gesagt werden will.

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